Was letztes Jahr begonnen hat, scheint auch dieses Jahr ein Erfolg zu werden: Beim SBB-Bahnhof von Worb findet in den Sommermonaten monatlich ein Nostalgie-Flohmarkt statt. Die Händler verkaufen ihre Ware teils direkt aus den Autos.

 

Jürg Engel hat im letzten Jahr den Nostalgie-Flohmarkt nach Worb geholt, wo er in den Sommermonaten nun monatlich stattfindet (Bild: Enrique Muñoz García / Berner Zeitung BZ)

 

Ein Nostalgiemarkt oder doch ein ganz normaler Flohmärit: Beim saisonalen Sonntagsmarkt vor dem Worber Bahnhof stellt sich diese Frage nicht, er ist beides zugleich. Bei genauem Hinsehen fällt jedoch die grosse Anzahl von Raritäten und Lagerbeständen aus Urgrossmutters Zeiten auf. Wer hier nach einem metallenen Waschzuber sucht, wird schnell fündig. Und für den stolzen Preis von 60 und mehr Franken erhält der Kaufwillige gleich noch ein Stück Zeitgeschichte mit auf den Weg. Die Händler wissen, dass in diesen Zubern einst nicht nur Kleider, sondern auch Kinder gewaschen wurden. Damals, als das Wort Dusche im Wörterbuch noch nicht zu finden war.
Ohne Vorreservation
Diese Kenntnisse um den nostalgischen Wert der Ware sind sozusagen das Markenzeichen des monatlichen Sonntagsmarkts zwischen der Landi und dem SBB-Bahnhof. Genauso wie die parkierten Autos mit Laderäumen der Extragrösse dazugehören, umrahmt von Campingtischen. Eine Vorreservation braucht es nicht. Wer will, kommt und stellt seine Ware auf einem freien Platz auf. Eine einzige Bitte hat der Initiant Jürg Engel: Es soll ein Treffen von Liebhabern für alte Sachen bleiben. «Mein Herz schlägt für Kulturgut», sagt er dazu.
Einst für die Märkte beim Metzgerhüsi Walkringen verantwortlich, hat Engel sein Netzwerk aktiviert und den Nostalgie-Flohmärit 2016 nach Worb geholt. Es ist ein Händlervolk, das sich kennt. Manch einer daraus wird hier selber fündig und erweitert seine Sammlung. Bei Engel sind es alte Koffer sowie Motor- und Fahrradsättel. «Ich bin halt der Nostalgie-Engel», sagt er von sich. Und der Mann mit dem mächtigen Schnauz weist sofort auf einen weiteren Verkäufer hin. «Portmann ist der Experte für Velöli und Bäbiwagen, was er anbietet, ist der Hammer», so Engels Werbespruch.
Keine moderne Billigware
Der 79-jährige Peter Portmann aus Obergerlafingen lächelt ob so viel Lob etwas verlegen. Doch dann kommt er in Fahrt und zeigt, wie er Gummiräder für die alten Wagen herstellt. Seine Ressource sei der Knast, sagt er augenzwinkernd. In der Wisa-Gloria-Klinik der Justizvollzugsanstalt Lenzburg könne man ihm bei Bedarf immer wieder weiterhelfen und einzelne im Handel nicht mehr erhältliche Ersatzteile produzieren. Ab 35 Franken sind seine Bäbiwagen zu haben, und für manche lohnt sich schon allein deswegen der Gang nach Worb.
Alte Feldstecher, noch ältere Fotoapparate, ein Kleinmöbel aus den 60er-Jahren, Grammofone: Die sechzig bis achtzig Händler haben für jeden Geschmack etwas. Engel hat aber auch schon Anwärter wieder nach Hause geschickt. Billigware der neuen Sorte passe nicht, sagt er. Auch einen Mann, der allerlei Messer verkaufte, musste er zurechtweisen. Denn das Credo lautet: Nur was legal ist, hat in Worb Platz. Dazu zählt auch neue Ware, die auf alt gemacht ist. Wer den Markt kennt, der fällt darauf nicht herein. Und wem etwas gefällt, der kann feilschen, bis der Preis stimmt.

 

Autor:Ursula Grütter, Berner Zeitung BZ April 2017